Verband für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik e.V. (VBS)

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Rede zur Entlassung in den Ruhestand für Herrn OStD Herrn Döhler
gehalten am 13.07.2005 im LBZB-Hannover

Sehr geehrter Herr Döhler, sehr geehrte Gäste,

da der Bundesvorsitzende des VBS, dem Verband der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen und -pädagoginnen Herr Fuchs und auch seine Vertreterin, Frau Boy, heute leider aus persönlichen Gründen nicht anwesend sein können, habe ich die Ehre, ein paar Worte zur Verabschiedung von Herrn Döhler im Namen des VBS zu sagen.

Herr Döhler, Sie sind laut meinen Unterlagen am 1.1.1977 dem VBS beigetreten, und seit 1972 (33 Jahren) im Landesbildungszentrum für Blinde. Damals hieß die Einrichtung noch Niedersächsische Landesblindenanstalt und wurde 1975 zum Landesbildungszentrum für Blinde (LBZB). Das LBZB wurde zu der Zeit noch von Herrn Dr. Garbe geleitet.
Als ich mir so die Zahlen ansah, dachte ich mir, es ist doch eine lange Zeit mit sehr vielen Veränderungen, die Sie miterlebt haben. Veränderungen, bei denen es sicher häufig hieß, was kommt jetzt wieder Neues auf uns zu, auf was muss ich mich einstellen? Veränderungen im Kollegium, der betriebsinternen Strukturen, wie wir sie heute wieder erleben, auch die Weiterentwicklungen der medialen Möglichkeiten und aber natürlich auch die Veränderungen im pädagogischen Sinne. Ich möchte deshalb jetzt nicht Ihre Tätigkeitsbereiche hier im LBZB aufzählen, das wird sicher noch jemand anderes machen. Der Verband der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen und -pädagoginnen setzt sich schwerpunktmäßig mit den Bereichen der medialen und pädagogischen Entwicklungen auseinander. Von daher lag es nahe, diese Zeitspanne, die Sie selbst erlebt haben kurz und unvollständig zu reflektieren bzw. zu benennen. Kurz deshalb, weil ich nicht der einzige Redner bin und ich eine Zeit mitbekommen habe und unvollständig, weil es sehr viele Veränderungen in dieser Zeit gab.
Ich muss mit dem ehemaligen Direktor, Herrn Dr. Garbe beginnen, da er für die Blindenbildung mit seinem Werk: Grundlinien einer Theorie der Blindenpädagogik (1959), ein bedeutendes Werk geschaffen hat. Leider hier nur kurz angedeutet, wurde zum ersten Mal auf die besondere Pädagogik der blinden Menschen hingewiesen, die bislang nur aus dem Kopieren von Unterrichtstheorien für normalsichtige Menschen bestand. Veränderungen waren von Kritikern nicht gewollt, da sie meinten, die blinden Menschen würden mit ihrer speziellen Unterrichtung, inklusive dem Internatsaufenthalt, in einer unrealen Welt aufwachsen. Sie vergaßen m. E. nach, dass die Welt der blinden Menschen für die normalsichtigen sowieso unreal ist. Herr Dr. Garbe forderte für die blinden Schüler gleichwertige Bildung und Ausbildung mit entsprechender blindenpädagogischer Differenzierung. Ich möchte einen Satz von ihm zitieren:

 „Dabei sollte berücksichtigt werden, dass der Stand des Blindenbildungswesens ein Maßstab für das kulturelle, soziale und wirtschaftliche Niveau einer Gesellschaft ist.“

1970, Frau Professorin Rath (ich begrüße sie hier recht herzlich als anwesender Gast) und Herrn Professor Thimm, die auch an dieser Schule lehrten und der Blindenpädagogik große Dienste erwiesen, haben Sie nicht mehr kennen gelernt, trat neues Vokabular nicht nur in die Sprache der Blindenpädagogik ein, der Umschwung kam mit der Technisierung, am bekanntesten war der Computer. Herr Döhler, heute kommen Sie meines Wissens recht gut mit diesem Gerät zurecht, wie ging es Ihnen damals, als Sie diese Maschine zum ersten Mal kennen lernten? Waren Ihnen die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten für die blinden Menschen bewusst? Neu hinzu kam aber auch der Begriff Mehrfachbehinderung, unter dem jeder auch heute noch eine eigene Vorstellung hat. Hier musste eine andere Pädagogik für blinde Schüler erlernt werden. 1978 wurden die ersten Klassen für mehrfach behinderte Schüler eingerichtet. Hier, Herr Döhler, kamen neue Herausforderungen auf die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik hinzu, denen Sie sich ebenfalls mit Erfolg gestellt haben.
Die nächste Herausforderung war die Integration, die 1975 durch Franz Mersi und Rudolf Schindele, bzw. 1978 Dieter Hudelmayer verstärkt in die blinden- und sehbehindertenpädagogischen Betrachtung und Handlung gerückt wurde. 1989, Direktor Berwanger wurde von Herrn Lennartz in der Direktion abgelöst, wurde die erste Integrationsmaßnahme im LBZB durchgeführt. In der Zeit kamen die Schwellfolien auf, eine Arbeitserleichterung, die aber nicht immer ein Ersatz für ein Original, Modell oder eine Tiefziehfolie ist. Computer mit elektronischen Braillezeilen und Punktschriftdruckern erleichtern heute das Arbeiten mit Texten, das weltweite Netz ist für blinde und sehbehinderte Menschen zum Großteil nutzbar. Die pädagogischen Inhalte veränderten sich, der Lehrer wird in der Integration zum Berater der blinden bzw. sehbehinderten Schüler in einer Regelschule. Heute wird die Inklusion angestrebt, die selbstverständliche Beschulung von behinderten Kindern in Regelschulen, die direkt bei ihnen vor Ort sind. Auch diese Veränderungen, Herr Döhler, haben Sie hautnah miterlebt und auch mit gestaltet.
1994 kamen vom Kultusministerium die „Empfehlungen zur Sonderpädagogischen Förderung in den Schulen der Länder der Bundesrepublik Deutschland“ heraus, die bei einem Schüler die Defizitfeststellung aufhob und zu einer individuellen Beschreibung der sonderpädagogischen Bedürfnisse für diesen Schüler führte. Seit 1994 wird nicht mehr von der Sonderschulbedürftigkeit gesprochen, sondern vom Sonderpädagogischen Förderbedarf, der die individuellen Fähigkeiten eines Menschen stärker berücksichtigt und ihm einen geeigneten Förderort zugesteht. Das Wort Sonderschule weicht dem Sonderpädagogischen Förderzentrum, die Integration ist in der Beschulung vorrangig.
Als derzeitig aktuellste Veränderung ist der Förderschwerpunkt Sehen zu nennen. Hier werden die grundlegenden blinden- und sehbehindertenpädagogischen Inhalte wie Orientierung und Mobilität, Lebenspraktische Fertigkeiten, Low Vision, elektronische Medien, Schriftsysteme, Integration, Frühförderung, Übergang Schule/ Beruf usw. als verbindliche Aufgabenfelder benannt.
Herr Döhler, Sie sehen, in Ihrer Dienstzeit hat sich viel getan und es wird sicher noch weitere Veränderungen geben. Und da ich glaube, dass Sie Ihren Ruhestand als Unruhestand leben werden, werden Sie die weiteren Entwicklungen bestimmt persönlich miterleben, wie z. B. beim nächsten Kongress 2008, hier in Hannover, denn die Niedersächsische Blinden- und Sehbehindertenpädagogik wird es ziemlich sicher auch dann noch geben.
Zum Abschluss möchte ich natürlich noch darauf verweisen, dass auch speziell die Blindenpädagogik einen Anfang hatte, deren bekanntester Mitbegründer, der Franzose Valentin Haüy, ein Werk über seine ersten Versuche mit blinden Kindern verfasst hat. Herr Döhler, im Namen des VBS-Bundesvorstandes möchte ich Ihnen diesen Originalnachdruck für spätere Lesestunden überreichen.
Ich wünsche Ihnen viel Glück für Ihre weitere Zukunft.

Franz-Josef Beck
Landesvorsitzender des VBS-Niedersachsen
(Verband der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen und -pädagoginnen e. V.)

Download der Rede (Word-Datei)


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